Mini Transat 2015 · Dominik Lenk

Die zweite (und dritte) Etappe

Die zweite Etappe. Das, um das es eigentlich geht, und was Menschen meinen wenn sie “Transat” sagen. Eine Zusammenfassung über 17 Tage auf dem Atlantik und den Neustart in Mindelo.

Geschafft! Nach 19 Tagen, 23 Stunden, 43 Minuten und 13 Sekunden kommt der Spi zum letzten Mal wieder nach unten.

Zehn Tage vor dem Start der zweiten Etappe flog ich wieder nach Lanzarote. Im Gepäck hatte ich die reparierte Brennstoffzelle. Meine Reparatur aus A Coruña funktionierte zwar, aber man konnte ja nicht wissen wie lange. Also ging die Zelle zwischendurch noch einmal zum Hersteller.

Nach der ersten Etappe war das Boot überraschend intakt: eine Scheuerstelle am Wasserstag war das einzige Indiz für die letzten 1400 Meilen. Einen Dyneema Mantel später war auch das gelöst. Das das Boot so wenig Probleme hatte war erfreulich, allerdings machte es mir irgendwie auch Angst.

Also behielt ich zehn Tage lang ein Auge auf das Wetter. Langsam aber sicher deutete sich an, dass wir dieses Mal mit ordentlich Wind starten würden. Vor allem die ersten 24 Stunden würden interessant werden—der Windschatten der Kanarischen Inseln war berühmt berüchtigt und man konnte noch nicht genau absehen wie wir durch die Inseln segeln solltn. Das Routing änderte sich bis zum letzten Tag noch alle 6 Stunden.

Die Nacht vor dem Start war lang. Spät ins Bett und früh wieder raus. Da ich nicht schlafen konnte, programmierte ich kurzerhand diese Webseite um und schaute mir im Morgengrauen die letzen Wettervorhersagen an. Die Rennleitung hatte am Abend vorher noch den Kurs verändert; wir müssten jetzt Fuerteventura im Osten passieren. Das machte zwar die Navigation einfacher, allerdings waren die ersten Tage jetzt ein pures Dragrace.

Mit zwei Reffs im Groß und dem mittleren Spi flog ich mit 15 bis 16 Knoten Afrika entgegen. Immer wieder hörte ich über Funk wie andere Boote ihre Probleme an die Begleitboote meldeten: von zerrissenen Spinnakern über gebrochene Bugpriete oder nicht funktionierende Autopiloten war alles dabei. Bei mir lief alles glatt; die Geschwindigkeit stimmte, der Autopilot steuerte und und ich konnte andere (moderne)Prototypen unweit vor mit als Toplicht oder auf dem AIS sehen.

Nach Mitternacht halste ich vor der afrikanischen Küste. In weniger als 12 Stunden hatte ich mehr als 150 Meilen zwischen mich und den Start gebracht. Wahnsinn!

In den frühen Morgenstunden nahm der Wind ab. Wir waren jetzt nur noch mit komfortablen 10 bis 12 Knoten unterwegs. Leider blieb die Welle und ich fuhr einen Stecker: Der Bug blieb in der nächsten Welle hängen und die nächste Welle holte mich von hinten ein: Sie flutete das Cockpit und rollte durch die Luke ins Innere.

Umgehend schaltete sich alles ab: Toplicht, Instrumente, Kompasslicht, Autopilot. Doch weniger als eine Sekunde später startete sich alles neu. Noch einmal Glück gehabt? Ich stieg nach unten und fing an 200 bis 300 Liter Wasser aus dem Boot zu lenzen. Leider war ein Teil davon auch ins Heck geschwappt und die Brennstoffzelle stand jetzt unter Wasser. (Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass sich das gesamte Elektroniksystem neu gestartet hatte.)

Ausharren bis zum Morgengrauen—meine Reaktion auf den erneuten Verlust der Brennstoffzelle

Ich versuche den nächsten Tag die Brennstoffzelle zu reparieren. Das musste so schnell wie möglich passieren, den spätestens in der nächsten Nacht würde mir der Strom ausgehen. Also nahm ich die Zelle auseinander und trocknete die Einzelteile mit Toilettenpapier. Ohne Erfolg, denn die Widerstände der Hauptplatine waren scheinbar durchgeschmort.

Inzwischen war ich mehr als 250 Meilen von den Kanaren entfernt. Also mindestens zwei Tage aufkreuzen, mehr wenn die Flaute wie vorhergesagt die Flotte verfolgte. Plus 12 Stunden Reparatur und den Rückweg sind gleich fünf Tage. Ich könnte genauso gut weiter segeln und im schlimmsten Fall auf den Kap Verden anhalten.

Blieb das Problem, dass ich seit dem Start nicht geschlafen hatte (und in der Nacht davor auch nicht wirklich). Nach 36 Stunden im Rennen war ich 40 Meilen hinter den Führenden und leistete mir dank Schlafmangel den ersten großen Fehler. Ich brauchte drei Stunden, um meinen Spi mitsamt Bugspriet wieder aus dem Wasser zu fischen. Danach zurrte ich alles an Deck fest und legte mich schlafen. Ohne Strom und Autopilot drehte ich das Boot in Richtung offener Ozean und überließ es so lange sich selbst.

Zwei Stunden später machte ich mich (immer noch im dunklen) daran den Bugspriet trotz gebrochener Gabel wieder einzuhängen. Zum Glück war noch genügend davon vorhanden, um zu verhindern, dass er wieder abrutschte. Bei Welle und ohne Autopilot dauerte das Ganze wieder mehrere Stunden.

Zum ersten Mal war ich froh so viele Autopilotprobleme während meiner Quali gehabt zu haben. Immerhin wusste ich dadurch wie es auch ohne weiter geht. Mit einem zu dicht geschotetem mittleren Spi und aufgefierten Großsegel hatte ich mit ein wenig Glück immer bis zu 10 Minuten am Stück, um den großen Spi im Cockpit zu nähen. Allerdings fuhr ich deswegen in die falsche Richtung, nämlich Westnordwest.

Gegen 10 Uhr morgens war sowohl der Bugspriet als auch der große Spi wieder funktionsfähig und ich halste nach Süden um wieder in die Nähe des Winddrehers an der afrikanischen Küste zu kommen. Die Sonne schien und ich hatte große Hoffnung, dass die Solarzelle mich aus dem Schlamassel befreien könnte. Zumindest für das Toplicht und das GPS sollte es reichen.

Für den Autopiloten reichte der Strom natürlich nicht. Dazu kam, dass dies der letzte sonnige Tag sein sollte. Mit Wolken lieferte die Solarzelle maximal zehn Ampere pro Tag. Selbst ohne den Autopilot zu benutzen sind das ungefähr 4 Stunden mit eingeschalteten Instrumenten.

Wenn ich vorher noch mit der Idee gespielt hatte, die Überquerung nur mit der Solarzelle zu versuchen, war jetzt klar, dass ich auf den Kap Verden anhalten musste.

Doch bevor ich auch nur in die Nähe der Inseln kam, rutsche die gebrochene Gabel des Bugspriets abermals ab. Diesmal durfte ich danach den mittleren Spinnaker flicken. Viel schlimmer war jedoch, dass ich 70 Meilen vor den Inseln mein Ersatz GPS aus der noch offenen Tasche verlor. Das verbaute Haupt-GPS funktionierte zwar, allerdings waren die Batterien so stark entladen, dass ich es in den letzten 24 Stunden nicht mehr hingekriegt hatte, es anzuschalten.

Also nahm ich die letzte bekannte Position und fuhr stumpf einen Kurs auf die Inseln zu. Einen analogen Kompass hatte ich ja glücklicherweise.

Absurderweise hatte auch die Uhr, dessen Kopfzelle ich vor dem Start noch ausgewechselt hatte, den Geist aufgegeben. Navigation mit dem Sextanten war also auch nicht mehr möglich. Zwar es ist es über 70 Meilen eigentlich kein Problem eine Insel zu finden, mulmig war mir trotzdem.

Vor allem aber hatte ich Angst, dass ich an der Pinne einschlief: Selbst eine halbe Stunden in die falsche Richtung könnte dafür sorgen, dass ich Sao Vincente nicht einmal sehen würde. Zwar hatte ich es zwei Nächte davor geschafft ein paar Mal zu schlafen, aber ausgeschlafen war anders.

20 Meilen vor der Insel kriegte ich tatsächlich wieder eine Batterie an den Start. Einen GPS Fix später sah ich das auf der richtigen Spur war und versuchte die Marina in Mindelo anzufunken. Ich wusste, das ich spät am Abend eintreffen würde und wollte fragen ob sie einen Elektriker und einen Generator organisieren können.

Stattdessen meldetet sich ein anderer Mini, der auch nach Mindelo wollte. Überhaupt war es in Mindelo eine ziemlich große Party. Drei Minis waren bereits vor Ort; dazwischen lag eine Class 40 aus der Transat Jaques Vabre. Allerdings war es die Stimmung auf besagter Party ziemlich mies, denn drei von den fünf Minis vor Ort hatten bereits aufgegeben.

Von diesen Booten übernahm ich Teile der Ausrüstung: Alberto Bona von onlinesim.it willigte ein mir seine Brennstoffzelle für die letzten 2000 Meilen zu leihen. Benoit Hantzperg von YCA Dhumeaux Secours Populaire stellte mir seine Uhr und Ersatz GPS zu Verfügung. Einzige Bedingung beider war, dass ich mich zumindest bis zum nächsten Morgen schlafen legte.

Die Brennstoffzelle lädt und der Spi ist auch fast wieder einsatzbereit.

17 Stunden später war der mittlere Spinnaker erneut geflickt und die neue Brennstoffzelle angeschlossen. Ich wartete noch eine Stunde um zu überprüfen, dass die Batterien tatsächlich luden und legte dann ab. Innerhalb von 1.5 Stunden legte ich die fast 20 Meilen zu nächsten Insel ab, nur um dann festzustellen, dass sich die Brennstoffzelle erneut mit einem Fehlercode meldete.

Die Batterien waren zu stark entladen! Das konnte nur an zwei Dingen liegen: Entweder die Batterien hatten tatsächlich zu stark unter dem Trip nach Mindelo gelitten und fünf Ampere Ladestrom der Brennstoffzelle reichten nicht mehr aus. Oder es lag an einem Kabel. Zwei Optionen und ich wusste nicht welche davon richtig war. Also drehte ich wieder um!

Von allen Booten im diesjährigen Transat bin ich wohl der einzige der aufkreuzen musste. Dank Flautenzone hinter den Inseln dauerte der Rückweg länger, was mir genügend Zeit für Wut und Selbstmitleid ließ. Als ich gegen Mitternacht wieder in Mindelo anlegte war ich bereit alles hinzuschmeißen.

Zusammen mit dem Ingenieur einer anderen Yacht maß ich am nächsten Tag das Ladesystem durch: Der Fehler war glücklicherweise der Stecker der Brennstoffzelle, den ich logischerweise mitsamt der Zelle auch geflutet hatte. (Leider hat er die 20 Meilen zur nächsten Insel gewartet, um so weit zu korrodieren, dass er nicht mehr funktionierte.) Da es denn Stecker auf der Insel schlichtweg nicht gab, lag es am Yachtservice vor Ort um ihn mit einem wildem Mix aus Säure und Lötzinn wieder flott zu kriegen.

Ein paar Tage nach Mindelo: Endlich hält der Transat was er verspricht.

Als ich schließlich wieder ablegte, war ich zwar froh weiter zu segeln, doch die Stimmung war im Keller. Hätte ich beim ersten Mal durchsegeln können, hätte ich noch eine Chance gehabt, einen der anderen Protos einzuholen: Vom Rennen blieb jetzt nur noch das Abenteuer, was nach zwei Jahren Vorbereitung nicht besonders tröstlich ist.

Trotzdem loggte ich immer noch recht passable Etmale. In der ersten Nacht überholte ich einen 50 Fuß Katamaran in Lee. Wie bereits beim Start in Lanzarote war der Ritt nicht von dieser Welt.

Die nächsten 10 Tage verliefen nach dem gleichen Muster: Müsli am morgen, Wetter und Navigation um 12:00 UTC. Über Mittag versuchte ich mich unter Deck aufzuhalten bis die Sonne wieder hinter dem Großsegel verschwand. Nachmittags bis Sonnenuntergang steuerte ich von Hand um mich danach erneut kurz schlafen zu legen.

Spätestens 1 bis 2 Stunden nach Sonnenuntergang erspähte ich die ersten Gewitterwolken, die einem aus heiterem Himmel 30 bis 45 Knoten bescherten. Die Sterne verschwinden, der Wind steigt langsam und ein paar Sekunden später liegt der Mast im Wasser. Also Spi runter, Großsegel reffen und ins Dunkel starrend an Deck ausharren.

Nach und nach wurde ich mutiger und behielt den Spi oben. Wenn man die erste Minute überlebte waren es meist nur noch plus minus 32 Knoten. Das konnte man aussteuern und war dabei auch noch extrem schnell. Leider ließ sich die Windrichtung in der Wolke nicht voraussagen und so flog ich auch einmal mit Wind aus dem Süden Richtung Norden: Odysseus lässt grüßen.

Falls man jedoch die Windgeschwindigkeit falsch einschätzt büßt man dies schnell. Alle drei Spinnaker flickte ich insgesamt um die zwanzig mal. Von einem kleinen fingernagelgroßen Riss bis zum einem komplett ausgerissenen Unterliek war alles dabei.

Selbst ein klitzekleines Stück Algen verlangsamte das Boot ein bis zwei Knoten.

Für den zweiten große Zeitvertreib sorgten die Algen. Der gesamte Atlantik war voll und auf halben Weg befreite ich alle 15 Minuten die Ruder von dem Gestrüpp. Zwei Mal verhakte sich auch etwas in der Kielmechanik: Also Segel runter, ein Tau um den Bauch und über Bord. Beim ersten Mal machte ich dies tagsüber, beim zweiten Mal nachts.

Es war ein komisches Gefühl als ich zehn Tage später im Morgengrauen in Guadeloupe ankam. Die letzten drei Tage waren von wenig Wind geprägt und ich war ungeduldig. Einerseits wusste ich, dass ich seit Mindelo 6 Boote und über 350 Meilen auf den nächsten Proto aufgeholt hatte, andererseits war ich zutiefst entäuscht das Rennen auf diese Art zu beenden.

Dementsprechend überquerte ich die Ziellinie mehr oder weniger schweigend. Im Schlepp registrierte ich die lange Reihe von Booten die bereits im Hafen lagen. Wenig später legte ich an und wurde überrumpelt. Menschen! Nach zehn Tagen ohne jediglichen Kontakt ein ziemlicher Schock. Drei Minuten später flog ich auch schon im Wasser. Ist wohl Tradition.

Und jetzt? Inzwischen bin ich seit eingiger Zeit wieder in Deutschland. Die zweite Etappe zusammen zu fassen hat lange gedauert, auch weil das erste Video, dass ich mir anschaute, mich halb flennend in der ersten Nacht zeigte. Danach legte ich alles erst einmal zu den Akten. Der großartige Empfang in Guadeloupe half dabei.

Mache ich das Rennen noch einmal? Ich weiß es nicht. Und wenn, dann nur auf einem neuem Boot. Mit Podiumschancen!