Mini Transat 2015 · Dominik Lenk

Mini Transat Etappe 1

Am 19. September startete der 2015 Mini Transat Iles de Guadeloupe. Für die letzten 10 Tage vor dem Start wurden alle 72 Teilnehmer in den Museumshafen in Douarnenez geschleppt, den wir danach nicht mehr verlassen durften. Die ersten Tage wurden alle Sicherheitschecks durchgeführt, danach öffnete das Regattadorf seine Pforten für Schulklassen und Schaulustige. Auf dem meisten Booten wurden noch letzte kleine Arbeiten durchgeführt, doch insgesamt hatte dieser Transat den Anschein sehr gut vorbereitet zu sein. Die meisten Boote blieben die letzten paar Tage einfach abgeschlossen. Wenn man den jeweiligen Skipper kurz traf, war sehr schnell klar, dass sich das Klima im Hafen änderte: Immer freundlich aber jeden Tag ein wenig wortkarger. Vielen wurde jetzt erst bewusst, dass sie tatsächlich in wenigen Tagen solo über den Atlantik starten würden.

Der obligatorische 90° Test in der Woche vor dem Start

Genauso auch bei mir: Während die erste Woche der finalen Vorbereitungsphase noch mit Kleinigkeiten überbrückt werden konnte—ein Spleiß hier, ein wenig Masttrimm da—war das Boot danach einfach fertig. Die neuen Segel passten wie die Faust auf’s Auge, der Autopilot funktionierte und die Stromversorgung durch Brennstoffzelle und Solar war gesichert. Die Gewissheit nichts mehr vorbereiten zu müssen, fühlte sich plötzlich mulmig an.

Am Morgen vor dem Start

Die letzten drei Tage blieb nichts mehr außer das Wetter im Auge zu behalten und eine Taktik für den Anfang des Rennens aufzustellen. Die Vorhersage war für wenig bis keinen Wind, was zwar sehr entspannt für den Start wäre, doch nach der ersten Nacht auch ziemlich schnell an den Nerven rütteln könnte. Das Routing von Predictwind sah vor so schnell wir möglich nach Westen zu fahren, um dort mit der ersten Front den Schwenk Richtung Portugal machen zu können.

Am Abend vor dem Start stellte ich zum Glück noch fest, dass mein Barometer 40hPa zu niedrig anzeigte. Auf dem Weg in den Laden gab es dann völlig den Geist auf—Ersatz musste her.

Am nächsten Morgen durften alle Teilnehmer ihr Boot noch im Halbdunklen durch die Schleuse in den nächsten Hafen verholen, wo ich auch das neue Barometer verkabelte—für die Kippe nach der Front im Westen der Biskaya könnte dies immerhin ziemlich wichtig sein.

Die letzten Stunden mussten alle Segler auf ihren Booten bleiben, während stichprobenhaft Sicherheitschecks durchgeführt wurden. Ich hatte nicht wirklich Lust alle Container noch einmal auszuräumen, wurde zum Glück aber auch nicht kontrolliert.

Währenddessen kreisten Helikopter über unseren Köpfen, Kameramänner rannten suchend nach der nächsten Scene auf den Stegen umher und über Lautsprecher verkündeten Moderatoren unablässig, dass dies ein “echtes” Solo-Rennen ist, dass wir “ganz” allein sein würden und das es “richtig” gefährlich wäre. Super, das hilft jetzt echt.

Départ de la Mini Transat [REPLAY] por la1ere

Nach einem mittelmässigen Start fuhr ich nach der ersten Wendemarke einen kleinen Ausreißer auf die linke Seite der Kreuz, was sich massiv auszahlte; die Bucht verließ ich irgendwo unter den ersten 15. Während der ersten Nacht wurde der Wind immer weniger, bis wir am nächsten Morgen schließlich alle nebeneinander in der Flaute lagen.

Noch einmal zu Wettertaktik: Wer weit genug im Western war, würde den Wind zuerst kriegen, müsste aber auch eine längere Distanz segeln. Ich entschied mich am Raz de Seine deswegen so tief wie möglich zu segeln solange ich mich mehr oder weniger südlich von den West-Extremen halten konnte.

Leider stelle ich am ersten Tag fest, dass meine Brennstoffzelle die Batterien nicht lud. Laut der Fehlermeldung war der Methanoltank leer, was natürlich nicht stimmte. Ich entschied mich nicht nach Douarnenez zurück zu segeln—ich war inzwischen fast 120 Meilen entfernt und hätte mich am Wind zurück kämpfen müssen. Ich vermutete, dass der Schlauch vom Methanoltank zur Brennstoffzelle verstopft war und versuchte die Blockage durch schütteln und auf den Tank drücken zu lösen. Leider ohne Erfolg.

Also schlug ich eine südlichere Route ein, um auf dem Weg um Kap Finisterre in A Coruña anzuhalten. So würde ich am wenigsten Distanz verschenken, auch wenn ich die Front natürlich später erreichte und das ideale westlich Routing komplett ignorierte.

Die andere Option wäre nur mit der Solarzelle weiterzusegeln, allerdings hatte ich auf dem Weg nach A Coruña schon Mühe das Toplicht nachts anzulassen. Es war einfach nicht sonnig genug. Dazu kommt, dass der Autopilot in frischen Downwind-Bedingungen einfach zu viel Strom brauchen würde. (Später hörte ich, dass jemand anders ein ähnliches Problem mit der Brennstoffzelle hatte und sich entschied weiter zu segeln. Allerdings trat sein Problem erst hinter Lissabon auf—Lanzarote war also quasi die beste Wahl.)

Nach zwei Tagen legte ich um 14:30 UTC in A Coruña an. Dies bedeutete, dass ich frühestens um 2:30 morgens wieder ablegen dürfte. Jeder Zwischenstopp muss mindestens 12 Stunden dauern—die Länge aller Zwischenstopps darf maximal 72 Stunden betragen, danach wird man (auch von der zweiten Etappe) disqualifiziert.

Also versuchte ich so schnell wie möglich eine Lösung für mein Energieproblem zu finden. Im Hafenbüro rief ich die Rennleitung an und kündigte an, nach 12 Stunden wieder auszulaufen. Ob das klappen würde wusste ich nicht, aber im Zweifel konnte ich mit geladenen Batterien von Hafen zu Hafen segeln: Hauptsache ich blieb unter den 72 Stunden, um in der 2. Etappe starten zu dürfen.

Zusammen mit der Hafenmeisterin telefonierten wir die Spanischen Brennstoffzellen Händler ab. Deren Vorschlag: Die Zelle nach Deutschland zu schicken, was aber auf keinen Fall innerhalb der 72 Stunden passieren würde. Der zweite Vorschlag: Den Tank schütteln. (Was glaubt ihr eigentlich was ich die letzten zwei Tage gemacht habe?)

Nach zwei Stunden erfolgloser Fehlersuche stand ich wieder mit der Brennstoffzelle in der Hand im Hafenmeisterbüro, immer noch im salz-verkrustetem Ölzeug, leicht müffelnd. Ein spanischer Radiosender dudelte im Hintergrund und das Ganze erschien mir ziemlich unwirklich. Über zwei Jahre Vorbereitung und dann so etwas. (Vor allem weil die Zelle vor drei Tagen ja auch noch funktioniert hat.)

Also legte die Hafenmeisterin einen zweiten Telefonsprint ein. Dieses Mal rief sie einen ihrer Nachbarn an. “Ich habe hier einen Typen der eine Regatta segelt und nur 12 Stunden Zeit hat und eine kaputte graue Box mit sich rumschleppt, die ihm Strom liefert. Mit Methanol oder so. Schon mal gehört? Schütteln? Nein, hat er schon probiert. Wer? Ja, OK, ich versuche es mal bei Soundso …” Das wiederholte sich ein paar Mal, bis sie schließlich die Idee hatte, es bei einem lokalen Spanier zu versuchen, der im Hafen auf einem Boot wohnte. Der tauchte 20 Minuten später auch auf, schaute sich das Problem an und lud mich prompt in sein Auto. Shopping Tour!

Gelb, zu schwer, zu groß, zu laut. Aber er produziert Strom.

10 Minuten vor Ladenschluss stürmten wir den dritten Laden und kauften einen kleinen (viel zu großen) Zweitaktgenerator. 10 Liter Benzin sollten bis Lanzarote reichen. Leider hatter der Generator viel zu viel Power und die Hälfte der Leistung würde beim Laden der Batterien verschwendet werden. Dazu kam, dass sich der 20 Kilo Klotz auf einem Mini nicht wirklich gut machte. Aber immerhin war es eine gute Notlösung, um im Rennen zu bleiben.

Inzwischen war es neun Uhr Abends—noch 7 Stunden bis zum Auslaufen—und wir entschlossen uns noch einmal nach der Brennstoffzelle zu sehen. Den Aufkleber “Do not open” ignorierend, nahmen wir das Gehäuse auseinander und sahen auch sofort, warum die Zelle auf keinen Fall funktionieren konnte: Die Pumpe, die das Methanol durch das System sog, hatte anscheinend ein wenig Feuchtigkeit abgekriegt. Also nahmen wir auch diese auseinander und ersetzten kurzerhand alle Kabel.

Einen Stunde später summte die Brennstoffzelle wieder fröhlich vor sich hin. Rein theoretisch hätte ich die Reparatur auch auf See vornehmen können—vorausgesetzt man hat unter Schlafentzug den Mut den Herstellerhinweis zu ignorieren, um danach mit sehr viel Lötzinn neue Kontakte zu formen.

Mit einem Puffer von 5 Stunden richtete ich das Boot wieder her und lief pünktlich um 2:30 wieder aus La Coruña aus. Wenig später blieb ich an einer Fischerboje hängen, drehte ein paar Pirouetten und kämpfte eine halbe Stunden mit der Ankerleine. Im Morgengrauen hing es weiter, nur um die nächsten 16 Stunden vor der Spanischen Küste zu dümpeln.

Alles in allem kostete mich der Zwischenstopp um die 350 Meilen auf die Führenden. Erst das verschenkte westliche Routing, dann der Stopp selbst, dann die Flaute bedingt durch die Küstennähe.

In der Nähe von Kap Finisterre setzte der Wind wieder ein und ich überholte diverse Cruiser, die alle verwundert an Deck standen und zusahen wie ein Boot halb so groß wie sie an Ihnen vorbeiflog. Das Großsegel mit einem Reff und der große Spi ist eine wunderbare Kombination und die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei Sonnenuntergang konstant über 11 Knoten.

Und genau so segelte ich auch für die nächsten vier Tage weiter. Tagsüber nahm der Wind etwas ab, 20 Minuten nach Sonnenuntergang legte er meist um die 5 Knoten zu. 150° zur Windrichtung entfernte ich mich ziemlich weit von der Portugiesischen Küste, doch inzwischen war der tägliche Wetterbroadcast über SSB sehr gut zu verstehen und ich war mir sicher, dass dies das richtige Routing war.

Alles in allem halste ich etwas zu früh, doch ich war schnell unterwegs und hatte mit dem Generator und der Brennstoffzelle mehr als genügend Strom für den Autopiloten.Inzwischen war auch die Sonne ganztägig zu sehen und selbst die Solarzelle erzeigte am Tag um die 25 Amperestunden. Der Trick lag darin zu wissen, wann der Autopilot besser steuerte als ich selbst.

Ich wusste aus dem Ranking, dass ich ungefähr 400 Meilen hinter den Führenden lag. Die Flaute vor Finisterre hatte mir den Rest gegeben—ich fluchte ziemlich ausgiebig—doch jetzt war ich die Ruhe selbst: Ich hatte nichts mehr zu verlieren, suchte mir meinen eigenen Kurs und holte nach und nach die Rücklichter der Serienflotte ein. Zwei oder drei Mal pro Tag legte ich meinen Mast ins Wasser, weil ich noch ein wenig mit den Autopiloteinstellungen spielte. Das Aufräumen unter der Deck kostete etwas Zeit, doch für mich war dies nur ein Indiz, dass ich an der Grenze segelte und schnell unterwegs war.

Auf halben Weg nach Lanzarote gab es anscheinend eine Mondfinsternis. Leider habe ich genau zu diesem Zeitpunkt mehrere 20 Minuten Nickerchen aneinandergereiht. Von der Mondfinsternis erzählte mir jemand später. Dass der Vollmond plötzlich am abnehmen und dann wieder am zunehmen war, habe ich konsequent ignoriert obwohl ich mir noch dachte, dass dies etwas komisch sei. Egal, noch einmal 20 Minuten schlafen; vielleicht wird es ja besser. (Tatsächlich, danach war der Vollmond wieder da.)

Apropos 20 Minuten Schlaf: Diese Länge ergibt sich aus der Erdkrümmung und der Geschwindigkeit von größeren Schiffen. Danach ist ein Schiff, dass man vorher nicht sah, bei einem in der Nähe. Da 20 Minuten aber meist nicht genügend sind, fängt man an, diese Schläfchen aneinander zu reihen. 40 bis 45 Minuten ergeben einen Schlafzyklus und sind auf Dauer verkraftbar. Trotzdem hatte ich öfter sehr komische Gedanken nach dem Aufwachen. Unter anderem versuchte ich mich krampfhaft zu erinnern wen ich umbedingt zurückrufen wollte, bis mir einfiel dass ich weder ein Telefon an Bord hatte, noch in der letzten Woche angerufen wurde.

Etwas skurriler: Mehrmals durchsuchte ich das Boot nach meinem nicht vorhandenem Co-Skipper, der wahrscheinlich über Bord gegangen war während ich schlief. Auf meinem Niedergang werde ich demnächst “BTW: You are sailing alone” schreiben. Denn egal wie sicher man sich ist, dass man das Rennen alleine gestartet ist—das komische Gefühl bleibt.

Auf dem letzten Schlag Richtung Lanzarote lieferte ich mir den ganzen Nachmittag noch ein Wettrennen mit einem Containerschiff. Mal holte es mich ein, mal segelten wir wieder die Gleiche Geschwindigkeit zwischen 10 und 11 Knoten. Insgesamt dauerte es über 50 Meilen bis das Schiff an mir vorbeizog, was natürlich etwas nervig war, denn schlafen war so natürlich nicht mehr möglich.

Ankunft in Lanzarote

Am 29. September segelte ich gegen 3 Uhr Morgens in Lanzarote über die Ziellinie. Die Position in der Flotte war durch den Zwischenstopp natürlich nicht besonders gut, allerdings liege ich im Klassement der 24 Stunden Etmale mit 220 Seemeilen an 11. Stelle. Wenn dies ein Indiz ist für was mit dem Boot möglich ist, dann muss ich mir für die zweite Etappe keine Sorgen machen. Jetzt geht es erst einmal darum die Brennstoffzelle längerfristig wieder herzurichten.

Der Start der zweiten Etappe ist am 31. Oktober um 11 Uhr UTC. Den Tracker gibt es dann natürlich wieder unter http://www.minitransat-ilesdeguadeloupe.fr/cartographie?lang=en